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Quellen prüfen und Fakten verifizieren

🎯 Lernziele

  • Den CRAAP-Test auf deutschsprachige Quellen anwenden und Ergebnisse begründen
  • Lateral Reading als Verifikationsstrategie erläutern und im Vergleich zu vertikalem Lesen einordnen
  • Mindestens fünf digitale Verifikationstools benennen und deren spezifischen Einsatzzweck erklären
  • Peer-Review-Prozesse beschreiben und Predatory Journals von seriösen Zeitschriften unterscheiden
  • Eine selbstständige Quellenbewertung dokumentieren und kommunizieren
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Der CRAAP-Test: Quellen systematisch bewerten

Nicht jede Quelle ist gleich. Eine Wikipedia-Seite, ein -Artikel in 'Nature', ein Blogpost und ein Tweet über dasselbe Thema haben unterschiedliche Qualität, unterschiedliche Absichten und unterschiedliche Verlässlichkeit. Der ist ein einfaches, aber wirkungsvolles Framework, um diese Unterschiede systematisch zu bewerten.

**C – Aktualität (Currency)**: Wann wurde die Information veröffentlicht? Wurde sie aktualisiert? In manchen Bereichen ist Aktualität entscheidend: Medizinische Studien, Rechtsinformationen und technologische Fakten veralten schnell. In anderen ist ein älteres Werk trotzdem gültig: Historische Primärquellen, klassische Theorien, zeitlose Grundlagentexte. Fragen: - Wann wurde der Inhalt erstellt oder zuletzt aktualisiert? - Sind die verlinkten Quellen noch zugänglich (keine toten Links)? - Für mein Thema: Ist Aktualität entscheidend?

**R – Relevanz (Relevance)**: Ist diese Quelle überhaupt relevant für meine Frage? Manchmal findet man beim Recherchieren interessante, aber thematisch abweichende Quellen. Fragen: - Beantwortet der Inhalt meine Frage direkt oder nur indirekt? - Ist das Niveau (Fachsprache vs. Allgemeinsprache) angemessen? - Gibt es spezifischere, direkter einschlägige Quellen?

**A – Autorität (Authority)**: Wer hat das veröffentlicht, und warum sollte ich dieser Person/Institution vertrauen? Fragen: - Wer ist der Autor? Welche Qualifikationen, Affiliationen, Expertise? - Welche Institution steht dahinter (Universität, Denkfabrik, Interessensgruppe, Privatperson)? - Gibt es ein Impressum, Kontaktinformationen, transparente Struktur? - Hat der Autor andere veröffentlichte Arbeiten? Was sagen andere über ihn/sie? - Wird die Quelle von anderen anerkannten Quellen zitiert?

**A – Genauigkeit (Accuracy)**: Sind die Informationen korrekt, belegt und überprüfbar? Fragen: - Werden Quellen, Studien oder Daten genannt und nachgewiesen? - Sind die zitierten Quellen überprüfbar (funktionieren die Links)? - Enthält der Text Rechtschreib- oder Grammatikfehler (deutet auf mangelnde Sorgfalt hin)? - Sind die Schlussfolgerungen durch die angeführten Belege gerechtfertigt? - Stimmen die Informationen mit dem überein, was andere seriöse Quellen berichten?

**P – Zweck (Purpose)**: Warum wurde dieser Inhalt erstellt? Fragen: - Ist der Inhalt als Information, Meinung, Werbung oder Propaganda einzuordnen? - Wird Meinung klar als Meinung gekennzeichnet? - Hat der Autor/die Institution ein erkennbares Interesse an einer bestimmten Schlussfolgerung? - Werden bestimmte Perspektiven betont, andere ignoriert? - Werden Emotionen als Hauptargument eingesetzt?

**Praktisches Beispiel – für eine Impf-Meldung:** Stell dir vor, du findest auf einer Website folgenden Satz: 'Impfstoffe sind unwirksam – neue Studie beweist es!' - **C**: Wann wurde das veröffentlicht? Vor zwei Jahren – zu COVID-Impfstoffen sehr relevant - **R**: Passt das zu meiner Frage nach Impfwirksamkeit? Ja. - **A**: Autor? 'Dr. med. Müller' – aber kein verlinktes Profil, keine Universität - **A**: Quellen? Keine Studien verlinkt, nur vage 'Forschung' - **P**: Website heißt 'impfschaeden-aufgedeckt.de' – klares Interessensprofil Ergebnis: CRAAP-Score niedrig. Quelle unzuverlässig.

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Lateral Reading: Die Stanford-Methode der Profis

Experten und Fact-Checker machen etwas Kontraintuitives, wenn sie eine neue Quelle beurteilen: Sie verlassen die Seite sofort wieder. Statt sich tief in den Inhalt einzulesen (vertikales Lesen), öffnen sie mehrere neue Browser-Tabs und recherchieren, was andere über diese Quelle sagen. Die Stanford History Education Group hat diese Technik als '' (seitliches Lesen) beschrieben – und Studien zeigen: Profis sind dabei deutlich effektiver als gut ausgebildete Laien.

**Warum reicht vertikales Lesen allein nicht?** Beim vertikalen Lesen bewertest du eine Quelle von innen heraus: Wie professionell sieht die Seite aus? Klingt der Text überzeugend? Sind Quellen angegeben? Das Problem: Gut designte Desinformationsseiten können all diese Signale imitieren. Professionelle Lügner sind gut darin, professionell auszusehen. Du kannst nicht feststellen, ob eine Quelle vertrauenswürdig ist, indem du nur diese Quelle betrachtest.

**Die Lateral-Reading-Methode – Schritt für Schritt:** Schritt 1: **Neue Tab öffnen, Quelle googeln** Tippe den Namen der Website, Autors oder der Organisation in die Suchmaschine. Zum Beispiel: 'Who is [Websitename]?' oder '[Autorenname] Expertise' oder '[Organisationsname] Kritik'. Schritt 2: **Sehen, was andere sagen** Was berichten seriöse Quellen (Nachrichtenmedien, Wikipedia, Watchdog-Organisationen) über diese Quelle? Gibt es Berichte über Falschinformationen, Interessenkonflikte oder Finanzierungsquellen? Schritt 3: **Kontext und Hintergrund ermitteln** Wer steht hinter der Organisation? Wer finanziert sie? Welche politische oder weltanschauliche Orientierung hat die Quelle? Wikipedia ist hier oft ein guter erster Einstieg – nicht als Endquelle, sondern als Sprungbrett. Schritt 4: **Informierte Entscheidung treffen** Mit diesen Außenperspektiven kannst du nun beurteilen, wie viel Gewicht du der ursprünglichen Quelle geben sollst.

**Vergleich: Vertikales vs. Laterales Lesen** Vertikales Lesen: Du liest einen Artikel von oben nach unten und prüfst: Sind Quellen angegeben? Klingt das glaubwürdig? Ist das Layout professionell? Laterales Lesen: Du öffnest sofort weitere Tabs: Wer ist dieser Autor? Was sagt Wikipedia über diese Organisation? Berichtet die Tagesschau über dasselbe Thema? Die Stanford-Studie (McGrew et al. 2019) zeigt: Professionelle Fact-Checker brauchten im Durchschnitt deutlich weniger Zeit, um eine Quelle zu beurteilen als Historikerinnen und Historiker oder Studierende – weil sie das intuitiv anwandten.

**Praktische Übung: 3 unbekannte Websites bewerten** Übungsanleitung: 1. Öffne eine unbekannte Website 2. OHNE den Inhalt zu lesen: Öffne sofort einen neuen Tab 3. Suche nach dem Namen der Website oder des Herausgebers 4. Bewerte: Was sagen Wikipedia, Nachrichtenmedien, Watchdog-Seiten? 5. Entscheide: Wie zuverlässig ist diese Quelle? Beispiel-Websites zum Üben (typische Kategorien): - Eine offizielle Bundesbehörden-Seite (z.B. bfr.bund.de) - Eine unbekannte Website zu Gesundheitsthemen - Eine politisch orientierte Website ohne klare Trägerschaft

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Verifikationstools: Das digitale Werkzeugkasten des Fact-Checkers

Moderne Fact-Checking-Arbeit nutzt ein breites Spektrum digitaler Werkzeuge. Dieser Abschnitt stellt die wichtigsten vor – mit konkreten Anleitungen.

**1. – Bilder verifizieren** Wenn du wissen möchtest, ob ein Bild manipuliert oder aus dem Kontext gerissen wurde, führe eine umgekehrte Bildersuche durch: *Google Bildersuche*: 1. Öffne images.google.de 2. Klicke auf das Kamerasymbol 3. Lade das Bild hoch oder füge die Bild-URL ein 4. Google zeigt dir, wo und wann das Bild zuerst erschienen ist *TinEye* (tineye.com): - Spezialisierter auf exakte Bildtreffer - Zeigt Zeitstempel: Wann wurde das Bild zuerst online gefunden? *Yandex-Bildersuche* (yandex.com/images): - Oft besonders gut bei slawischen Sprachräumen und russischen Quellen - Findet manchmal Bilder, die Google nicht findet *Praktische Anleitung für mobile Geräte*: In Chrome/Firefox: Halte das Bild gedrückt → 'Bild googeln' oder 'Mit Google Lens suchen'

**2. Wayback Machine – Website-Archive durchsuchen** Die Wayback Machine (web.archive.org) des Internet Archive speichert regelmäßig Snapshots von Websites. Nützlich wenn: - Eine Website Inhalte nachträglich geändert oder gelöscht hat - Du prüfen möchtest, was eine Website früher behauptet hat - Du eine nicht mehr erreichbare Quelle rekonstruieren möchtest *Anleitung*: 1. Öffne web.archive.org 2. Gib die URL der gesuchten Website ein 3. Wähle das Datum aus dem Kalender 4. Sieh dir den historischen Snapshot an

**3. InVID/WeVerify – Videos verifizieren** Videos sind besonders schwer zu prüfen. Das InVID/WeVerify-Werkzeug (invid-project.eu) ist ein Browser-Plugin, das speziell für Video-Verifikation entwickelt wurde. Funktionen: - Zerlegt Videos in Einzelbilder für - Prüft Video-Metadaten - Analysiert YouTube-Kommentarsektionen - Bietet Geolokationsunterstützung für Ortsbestimmung *Installation*: Browser-Plugin für Chrome und Firefox verfügbar

**4. EXIF-Daten und Metadaten prüfen** Digitale Fotos enthalten oft versteckte Metadaten (EXIF-Daten): Aufnahmedatum, Kameramodell, manchmal GPS-Koordinaten des Aufnahmeorts. Diese Daten können helfen, einen Fake zu entlarven: - Ein Foto, das als 'heute aufgenommen' präsentiert wird, trägt im EXIF-Datum 2018 - Ein Foto, das in Berlin verortet wird, zeigt GPS-Koordinaten aus Wien *Tools*: - Jeffrey's EXIF Viewer (online) - ExifTool (kostenlose Software) - In Windows: Rechtsklick auf Datei → Eigenschaften → Details

**5. Geolocation – Orte in Fotos bestimmen** Erfahrene Verifikatoren können manchmal aus Fotos und Videos den genauen Aufnahmeort bestimmen durch: - Straßenschilder, Werbetafeln, Fahrzeugkennzeichen - Architektur und Gebäudemerkmale - Google Street View und Google Maps-Vergleich - Satellitenbilder (Google Earth) Diese Technik wird u.a. vom Bellingcat-Kollektiv für investigativen Journalismus eingesetzt.

**6. Whois und Domain-Recherche** Jede registrierte Domain hat einen Eigentümer. Whois-Abfragen zeigen: - Wer eine Domain registriert hat - Wann die Domain erstellt wurde - Bei welchem Provider sie liegt *Tool*: whois.domaintools.com Beispiel: Eine Website behauptet, sie sei seit 20 Jahren aktiv – das Whois-Datum zeigt die Domain wurde vor 3 Monaten registriert. Warnsignal!

**7. Deutsche Fact-Checking-Organisationen** | Organisation | Spezialisierung | Website | |-------------|----------------|--------| | Correctiv | Investigativer Journalismus, allgemeines Fact-Checking | correctiv.org/faktencheck | | ARD Faktenfinder | Nachrichten-Faktencheck | faktenfinder.tagesschau.de | | ZDF Faktencheck | Nachrichten-Faktencheck | zdf.de/nachrichten/heute | | Mimikama | Social-Media-Fakes, Hoaxes | mimikama.org | | Europäische Digitalme. Obs. | EU-Medienkritik und Faktencheck | edmo.eu | | Snopes | Internationales Fact-Checking (Englisch) | snopes.com |

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Wissenschaftliche Quellen bewerten: Peer-Review, Impact Factor und Pseudowissenschaft

Im digitalen Zeitalter wird immer häufiger auf 'Studien' oder 'Forschung' verwiesen, ohne dass klar ist, welche Qualität diese Quellen haben. Ein Verständnis des wissenschaftlichen Publikationssystems hilft, seriöse von problematischen Quellen zu unterscheiden.

**Der -Prozess:** Wenn Wissenschaftlerinnen eine Studie durchgeführt haben, schreiben sie einen Artikel und reichen ihn bei einer wissenschaftlichen Zeitschrift ein. Der Herausgeber schickt den Artikel anonym an andere Fachleute desselben Bereichs (Peers = Gleichrangige). Diese prüfen: - Ist die Methodik korrekt? - Sind die Schlussfolgerungen durch die Daten gedeckt? - Gibt es methodische Fehler oder Lücken? Die Gutachter können den Artikel annehmen, Überarbeitungen verlangen oder ablehnen. Dieser Prozess kann Monate dauern. ist kein Perfektionssystem – auch te Studien können Fehler enthalten oder zurückgezogen werden ('retracted'). Aber er ist der wichtigste Qualitätsfilter der Wissenschaft.

**Impact Factor und Zitationen:** Der Impact Factor (IF) einer Zeitschrift misst, wie oft Artikel in dieser Zeitschrift durchschnittlich zitiert werden. Er ist ein grobes Qualitätsmerkmal: - Hochrangige Zeitschriften wie 'Nature' (IF ~65), 'Science' (IF ~60), 'The Lancet' (IF ~70) werden intensiv zitiert - Niedrig-rangige Zeitschriften haben IF unter 1 - Der IF kann manipuliert werden und ist kein absolutes Qualitätsmerkmal Eine einzelne Studie aus einer niedrig-rankigen Zeitschrift ist noch kein Beweis. Wissenschaftlicher Konsens entsteht durch viele Studien, Meta-Analysen und Replikationen.

** erkennen:** (Raubjournale) sind Zeitschriften, die gegen Gebühr Artikel ohne echte Qualitätsprüfung veröffentlichen. Typische Merkmale: - Vage oder imitierende Namen ('International Journal of Advanced Research') - Schnelle Annahme (wenige Tage statt Monate) - Gebühren statt Qualitätsprüfung - Keine erkennbaren Herausgeber oder editorische Beiräte - Fehlende oder unvollständige Kontaktinformationen - Hohe Anzahl von Sonderausgaben Der Think. Check. Submit.-Leitfaden (thinkchecksubmit.org) hilft, seriöse von zu unterscheiden.

**Pseudowissenschaft vs. Wissenschaft:** | Merkmal | Seriöse Wissenschaft | Pseudowissenschaft | |--------|---------------------|--------------------| | Methodik | Kontrollierte Experimente, Statistik | Anekdoten, Einzelfälle | | Überprüfbarkeit | Methoden offengelegt, reproduzierbar | Geheime Methoden, nicht reproduzierbar | | | Ja | Selten oder nicht vorhanden | | Falsifizierbarkeit | Hypothesen können widerlegt werden | Ansprüche sind nicht widerlegbar | | Konsens | Breiter Expertenkonsens | Außenseiterpositionen | | Korrekturen | Fehler werden anerkannt und korrigiert | Keine Korrekturen, Kritik wird abgewehrt | **Pre-Prints:** Seit COVID-19 verbreitet: Vorab-Veröffentlichungen von Studien vor auf Plattformen wie bioRxiv, medRxiv oder SSRN. Wichtig für schnelle wissenschaftliche Kommunikation, aber: Pre-Prints sind NICHT ed. In der Pandemie wurden viele Pre-Prints fälschlicherweise als 'bewiesene Forschung' dargestellt. Pre-Print ≠ Fachzeitschriften-Artikel.